Latium - das Verschwinden einer
Reiselandschaft
von Christoph Hennig
Eine ausführlichere Fassung dieses Textes erschien
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10.5.2001.
"Das ist ein wahres Zauberland...Überhaupt ist die
ganze Gegend so phantastisch, daß man es in Deutschland gar nicht
glauben würde, wenn man Zeichnungen davon sähe." Der Maler
Franz Horny, der 1817 diese Zeilen schrieb, stand mit seiner
Begeisterung über die Umgebung Roms nicht allein. Der Historiker
Ferdinand Gregorovius, einer der besten Italienkenner des
19.Jahrhunderts, notierte: "Ich habe die meisten Gefilde Italiens
durchzogen, ich habe die berühmten Fluren von Agrigent und Syrakus
durchwandert, aber trotz aller Farbenpracht jener südlichen Zone
muß ich doch bekennen, daß mir die Campagna von Rom und
Latium den mächtigsten Eindruck macht. Diese Landschaft bleibt
immer neu und groß für mich." Viele Schriftsteller und
Künstler schlugen ähnliche Töne an. François
René de Chateaubriand schwärmte von der "unvergleichlichen
Schönheit" der Berge und der "einzigartig harmonischen
Färbung" der Landschaft. Hector Berlioz fühlte sich von der
"geheimnisvollen Einsamkeit" des Landes "lebhaft berührt", D.H.
Lawrence fand in Latium "eine der entzückendsten Landschaften, die
ich je zu sehen bekam".
Einige Orte in der Umgebung Roms hatten sich im
frühen 19.Jahrhundert zu Künstlerkolonien entwickelt. In
Olevano Romano, einem östlich von Rom gelegenen Bergdorf, hielten
sich zwischen 1800 und 1830 rund 200 Maler auf. Latium war eine der
beliebtesten Malerlandschaften des 19.Jahrhunderts; jede
größere deutsche Gemäldegalerie zeigt einen reichen
Bestand an Sabiner Bergen, latinischen Tempeln und Schäfern in
römischer Landschaft.
Heute dagegen wird das Land um Rom kaum noch besucht.
Wenn im Sommerhalbjahr die Schlange der Wartenden vor den Vatikanischen
Museen auf einige hundert Meter anwächst, wenn an der Spanischen
Treppe und vor der Fontana di Trevi die Touristen sich gegenseitig auf
die Füße treten, finden sich an den wenige Kilometer
entfernten Kunststätten der Umgebung kaum auswärtige
Besucher. Latium ist ein weißer Fleck auf der europäischen
Reiselandkarte geworden. Wie kommt es, daß diese Gegend, die
Reisende früherer Jahrhunderte zu Begeisterungsstürmen
hinriß, heute keine Beachtung mehr findet? Gewiß sieht es
in der Umgebung Roms nicht mehr so aus wie vor hundertfünfzig
Jahren. Vor allem im Sacco-Tal südöstlich der Hauptstadt hat
die Industriezivilisation schmerzende Wunden geschlagen. Doch in vielen
Gebieten findet man noch immer die reizvollen Landschaften der
romantischen Künstler. Um die alten Orts-kerne stehen zwar jetzt
fast überall neue Wohnbauten. Aber die centri storici selbst sind
meist vorzüglich erhalten und zeigen ein intaktes
mittelalterliches Bild.
Der Reichtum an Kunstwerken
Noch erstaunlicher wirkt der touristische
Dornröschenschlaf der Region angesichts ihres unglaublichen
Reichtums an Kunstwerken. Zwischen Rom und dem Bolsena-See lag das
Kerngebiet der etruskischen Kultur. Die farbigen Grabmalereien in
Tarquinia gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen antiker
Kunst. Schon ihre Themen begeistern: Bankette, Spiele, Tanz, Musik und
Liebesszenen zeugen von ungehemmter Lebensfreude. Wenige Kilometer
entfernt steht in Cerveteri, der besterhaltenen etruskischen Nekropole,
eine Vielzahl monumentaler Gräber. Noch faszinierender sind
Norchia, Castel d’Asso und San Giuliano, die versteckten Felsnekropolen
des nördlichen Latium. Hier haben die Etrusker monumentale
Gräber direkt in den weichen Tuff geschlagen. In einsamen
Schluchten entfaltet sich an steil aufra-genden Felswänden eine
großartige Scheinarchitektur. Manches ist von der dichten
Vegetation überwuchert, das Plätschern kleiner Bäche im
Talgrund und Vogelgezwitscher bilden die einzigen Geräusche.
Nirgendwo sonst fühlt man sich der mysteriösen etruskischen
Vergan-genheit näher als an diesen Orten.
Die eindrucksvollsten römischen Tempelanlagen
Latiums stehen in Terracina und Palestrina. An beiden Orten wurde
Jupiter als göttliches Kind verehrt. Dem Jupiter von Terracina
stifteten die Gläubigen ausschließlich Kinderdinge als
Weihgeschenke. Palestrina war die wichtigste Orakelstätte in der
Umgebung Roms, ein Delphi der römischen Antike. Die ausgedehnte
Tempelanlage, die sich über Terrassen einen Berghang hinaufzieht,
kam erst nach Bombardements im Zweiten Weltkrieg vollständig ans
Licht.
Im späten 5. Jahrhundert gründete Benedikt von
Nursia zunächst bei Subiaco und später auf dem Monte Cassino
die ersten Mönchsgemeinschaften des Abendlandes. Subiaco ist noch
heute ein suggestiver Ort. Zwei Konvente sind in der Einsamkeit der
Aniene-Schlucht östlich von Rom erhalten geblieben. In
eindrucksvoller Lage kleben die Gebäude des "Sacro Speco" hoch
über dem Tal an einer Felswand. Mit ihren Natursteinfassaden
passen sich die Bauten der Umgebung vollständig an. Die Abtei
Monte Cassino bildet dazu einen markanten Gegensatz. Der machtvolle
Kloster-komplex liegt in beherrschender Position oberhalb der
Durchgangsstrecke von Rom nach Neapel. Die strategisch günstige
Lage hat dazu geführt, daß der Monte Cassino im Lauf der
Geschichte immer wieder heftig umkämpft wurde - zuletzt in den
monatelangen Kämpfen 1944, die zur nahezu vollständigen
Zerstörung der Anlage führten. Nach dem Krieg wurden die
Bauten rekonstruiert.
Im Mittelalter führte durch das nördliche
Latium die Frankenstraße, die wichtigste Verbindung zwischen
Nordeuropa und Rom. Am Weg der Pilger und Kaufleute, der Ritter und
Könige blühten Dörfer und Städte auf. In kleinen
Orte wie Acquapendente, Bolsena, Montefiascone stehen schöne
romanische Kirchen. Die Provinzhauptstadt Viterbo war zwischen 1145 und
1281 für lange Perioden Residenz der Päpste. Sie weist
besonders viele romanische Bauten auf. Sehr lohnend ist der Abstecher
nach Tuscania südwestlich des Bolsena-Sees. Die Kirchen San Pietro
und Santa Maria Maggiore, beide in isolierter Position etwas
außerhalb des Städtchens gelegen, stellen Höhepunkte
der mittelalterlichen Baukunst dar. Auch in anderen Gebieten Latiums
sind die Sakralbauten dicht gesät. Eine letzte Blüte
künstlerischer Produktivität erlebte Latium, als sich seit
dem 16.Jahrhundert Adlige und Würdenträger der römischen
Kurie Landvillen errichten ließen. Viel besucht wird wegen ihrer
unmittelbaren Nähe zu Rom die Villa d’Este in Tivoli. Ebenso
interessant sind die Villa Lante in Bagnaia bei Viterbo, der
manieristische Palazzo Farnese in Caprarola und vor allem der skurrile
"Bosco Sacro" in Bomarzo.
Daß Latium als Reiselandschaft in Vergessenheit
geriet, läßt sich also kaum auf einen Mangel an Attraktionen
zurückführen. Es hängt vielmehr mit veränderten
Reisegewohnheiten zusammen. Heute konzentriert sich das Interesse der
Reisenden in dieser Gegend ausschließlich auf Rom. Angesichts der
unendlichen Vielfalt römischer Sehenswürdigkeiten haben die
meisten Touristen einfach zu wenig Zeit, um sich noch der Umgebung
zuzuwenden. Im 19. Jahrhundert verhielt es sich anders. Damals kamen
viele Reisende für ausgedehnte Aufenthalte nach Rom. Vor allem die
Künstler hielten sich oft monate- oder jahrelang in der Stadt auf.
Dabei verbrachten sie regelmäßig einen Teil des Jahres auf
dem Land.
Im Schatten Roms wird Latium heute kaum noch beachtet.
Das ist ein Verlust, denn der große Reichtum an Kunstwerken und
die Schönheit der Landschaft machen es zu einer der
interessantesten Regionen Italiens. Und auch der geheimnisvolle Zug,
der die Romantiker faszinierte, läßt sich mit ruhiger
Aufmerksamkeit an vielen Orten noch spüren.
Literatur: Christoph Hennig, Latium,
DuMont-Kunstreiseführer, 2.Aufl.2004
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