"Das ist ein wahres Zauberland...Überhaupt ist die ganze Gegend
so phantastisch, daß man es in Deutschland gar nicht glauben
würde, wenn man Zeichnungen davon sähe." Der Maler Franz
Horny, der 1817 diese Zeilen schrieb, stand mit seiner Begeisterung
über die Umgebung Roms nicht allein. Der Historiker Ferdinand
Gregorovius, einer der besten Italienkenner des 19.Jahrhunderts,
notierte: "Ich habe die meisten Gefilde Italiens durchzogen, ich habe
die berühmten Fluren von Agrigent und Syrakus durchwandert, aber
trotz aller Farbenpracht jener südlichen Zone muß ich doch
bekennen, daß mir die Campagna von Rom und Latium den
mächtigsten Eindruck macht. Diese Landschaft bleibt immer neu und
groß für mich." Viele Schriftsteller und Künstler
schlugen ähnliche Töne an. François René de
Chateaubriand schwärmte von der "unvergleichlichen Schönheit"
der Berge und der "einzigartig harmonischen Färbung" der
Landschaft. Hector Berlioz fühlte sich von der "geheimnisvollen
Einsamkeit" des Landes "lebhaft berührt", D.H. Lawrence fand in
Latium "eine der entzückendsten Landschaften, die ich je zu sehen
bekam".
Einige Orte in der Umgebung Roms hatten sich im frühen
19.Jahrhundert zu Künstlerkolonien entwickelt. In Olevano Romano,
einem östlich von Rom gelegenen Bergdorf, hielten sich zwischen
1800 und 1830 rund 200 Maler auf. Latium war eine der beliebtesten
Malerlandschaften des 19.Jahrhunderts; jede größere deutsche
Gemäldegalerie zeigt einen reichen Bestand an Sabiner Bergen,
latinischen Tempeln und Schäfern in römischer Landschaft.
Heute dagegen wird das Land um Rom kaum noch besucht. Wenn im
Sommerhalbjahr die Schlange der Wartenden vor den Vatikanischen Museen
auf einige hundert Meter anwächst, wenn an der Spanischen Treppe
und vor der Fontana di Trevi die Touristen sich gegenseitig auf die
Füße treten, finden sich an den wenige Kilometer entfernten
Kunststätten der Umgebung kaum auswärtige Besucher. Latium
ist ein weißer Fleck auf der europäischen Reiselandkarte
geworden. Wie kommt es, daß diese Gegend, die Reisende
früherer Jahrhunderte zu Begeisterungsstürmen hinriß,
heute keine Beachtung mehr findet? Gewiß sieht es in der Umgebung
Roms nicht mehr so aus wie vor hundertfünfzig Jahren. Vor allem im
Sacco-Tal südöstlich der Hauptstadt hat die
Industriezivilisation schmerzende Wunden geschlagen. Doch in vielen
Gebieten findet man noch immer die reizvollen Landschaften der
romantischen Künstler. Um die alten Orts-kerne stehen zwar jetzt
fast überall neue Wohnbauten. Aber die centri storici selbst sind
meist vorzüglich erhalten und zeigen ein intaktes
mittelalterliches Bild.
Der Reichtum an Kunstwerken
Noch erstaunlicher wirkt der touristische Dornröschenschlaf der
Region angesichts ihres unglaublichen Reichtums an Kunstwerken.
Zwischen Rom und dem Bolsena-See lag das Kerngebiet der etruskischen
Kultur. Die farbigen Grabmalereien in Tarquinia gehören zu den
eindrucksvollsten Zeugnissen antiker Kunst. Schon ihre Themen
begeistern: Bankette, Spiele, Tanz, Musik und Liebesszenen zeugen von
ungehemmter Lebensfreude. Wenige Kilometer entfernt steht in Cerveteri,
der besterhaltenen etruskischen Nekropole, eine Vielzahl monumentaler
Gräber. Noch faszinierender sind Norchia, Castel d’Asso und San
Giuliano, die versteckten Felsnekropolen des nördlichen Latium.
Hier haben die Etrusker monumentale Gräber direkt in den weichen
Tuff geschlagen. In einsamen Schluchten entfaltet sich an steil
aufra-genden Felswänden eine großartige Scheinarchitektur.
Manches ist von der dichten Vegetation überwuchert, das
Plätschern kleiner Bäche im Talgrund und Vogelgezwitscher
bilden die einzigen Geräusche. Nirgendwo sonst fühlt man sich
der mysteriösen etruskischen Vergan-genheit näher als an
diesen Orten.
Die eindrucksvollsten römischen Tempelanlagen Latiums stehen in
Terracina und Palestrina. An beiden Orten wurde Jupiter als
göttliches Kind verehrt. Dem Jupiter von Terracina stifteten die
Gläubigen ausschließlich Kinderdinge als Weihgeschenke.
Palestrina war die wichtigste Orakelstätte in der Umgebung Roms,
ein Delphi der römischen Antike. Die ausgedehnte Tempelanlage, die
sich über Terrassen einen Berghang hinaufzieht, kam erst nach
Bombardements im Zweiten Weltkrieg vollständig ans Licht.
Im späten 5. Jahrhundert gründete Benedikt von Nursia
zunächst bei Subiaco und später auf dem Monte Cassino die
ersten Mönchsgemeinschaften des Abendlandes. Subiaco ist noch
heute ein suggestiver Ort. Zwei Konvente sind in der Einsamkeit der
Aniene-Schlucht östlich von Rom erhalten geblieben. In
eindrucksvoller Lage kleben die Gebäude des "Sacro Speco" hoch
über dem Tal an einer Felswand. Mit ihren Natursteinfassaden
passen sich die Bauten der Umgebung vollständig an. Die Abtei
Monte Cassino bildet dazu einen markanten Gegensatz. Der machtvolle
Kloster-komplex liegt in beherrschender Position oberhalb der
Durchgangsstrecke von Rom nach Neapel. Die strategisch günstige
Lage hat dazu geführt, daß der Monte Cassino im Lauf der
Geschichte immer wieder heftig umkämpft wurde - zuletzt in den
monatelangen Kämpfen 1944, die zur nahezu vollständigen
Zerstörung der Anlage führten. Nach dem Krieg wurden die
Bauten rekonstruiert.
Im Mittelalter führte durch das nördliche Latium die
Frankenstraße, die wichtigste Verbindung zwischen Nordeuropa und
Rom. Am Weg der Pilger und Kaufleute, der Ritter und Könige
blühten Dörfer und Städte auf. In kleinen Orte wie
Acquapendente, Bolsena, Montefiascone stehen schöne romanische
Kirchen. Die Provinzhauptstadt Viterbo war zwischen 1145 und 1281
für lange Perioden Residenz der Päpste. Sie weist besonders
viele romanische Bauten auf. Sehr lohnend ist der Abstecher nach
Tuscania südwestlich des Bolsena-Sees. Die Kirchen San Pietro und
Santa Maria Maggiore, beide in isolierter Position etwas
außerhalb des Städtchens gelegen, stellen Höhepunkte
der mittelalterlichen Baukunst dar. Auch in anderen Gebieten Latiums
sind die Sakralbauten dicht gesät. Eine letzte Blüte
künstlerischer Produktivität erlebte Latium, als sich seit
dem 16.Jahrhundert Adlige und Würdenträger der römischen
Kurie Landvillen errichten ließen. Viel besucht wird wegen ihrer
unmittelbaren Nähe zu Rom die Villa d’Este in Tivoli. Ebenso
interessant sind die Villa Lante in Bagnaia bei Viterbo, der
manieristische Palazzo Farnese in Caprarola und vor allem der skurrile
"Bosco Sacro" in Bomarzo.
Daß Latium als Reiselandschaft in Vergessenheit geriet,
läßt sich also kaum auf einen Mangel an Attraktionen
zurückführen. Es hängt vielmehr mit veränderten
Reisegewohnheiten zusammen. Heute konzentriert sich das Interesse der
Reisenden in dieser Gegend ausschließlich auf Rom. Angesichts der
unendlichen Vielfalt römischer Sehenswürdigkeiten haben die
meisten Touristen einfach zu wenig Zeit, um sich noch der Umgebung
zuzuwenden. Im 19. Jahrhundert verhielt es sich anders. Damals kamen
viele Reisende für ausgedehnte Aufenthalte nach Rom. Vor allem die
Künstler hielten sich oft monate- oder jahrelang in der Stadt auf.
Dabei verbrachten sie regelmäßig einen Teil des Jahres auf
dem Land.
Im Schatten Roms wird Latium heute kaum noch beachtet. Das ist ein Verlust, denn der große Reichtum an Kunstwerken und die Schönheit der Landschaft machen es zu einer der interessantesten Regionen Italiens. Und auch der geheimnisvolle Zug, der die Romantiker faszinierte, läßt sich mit ruhiger Aufmerksamkeit an vielen Orten noch spüren.
Literatur: Christoph Hennig, Latium, DuMont-Kunstreiseführer,
2.Aufl.2004